Ausgabe #11

Frühjahr 2021

Editorial

liebe leser*innen,

das neue jahr beginnt diesmal inmitten einer pandemie, die bisher nicht so richtig eingedämmt werden konnte. seit monaten plädieren viele stimmen auf solidarität, verständnis und menschlichkeit – oftmals vergeblich. die situation ist angespannt, wir haben keine lust mehr auf pandemieprogramm, vermissen es unbeschwert menschen zu sehen, auf veranstaltungen zu gehen und uns selbst und andere zu feiern. 

doch uns selbst feiern muss nicht bis nach der pandemie warten! wenn ich durch social media scrolle sehe ich posts überschrieben mit „new year, new me!“, ich sehe die immer gleichen tipps zum abnehmen des ‚weihnachtsspecks‘, der nun endlich runter soll und viele andere texte und bilder, die immer das gleiche vermitteln sollen: „da geht noch mehr! du holst noch nicht alles aus dir raus!“ selbstoptimierung war eine antwort der stunde auf den ersten lockdown und ist seitdem nicht mehr von der bildfläche verschwunden. natürlich war das auch schon vorher thema, aber endlich wurde allen genügend zeit attestiert das selbstoptimierungsprogramm durchspielen zu können. eine große masse menschen lernte kollektiv neue yoga übungen, bananenbrot backen und sauerteig ansetzen, wie man richtig aufräumt und was dem körper am besten bekommt. ich habe in dieser zeit übrigens die sims gespielt, viele arte dokumentationen gesehen und wie immer sehr viele süßspeisen zubereitet und eins dabei gelernt: eine pandemie ist nicht der richtige zeitpunkt auf biegen und brechen die beste version seiner selbst zu werden, was auch immer das bedeuten soll. diese zeit ist verdammt anstrengend 

für uns alle und zerrt an kräften und nerven. wir sind in sorge um menschen, die wir gerne haben oder uns selbst, wir sollen trotzdem lohnarbeit machen und nebenher dann auch noch selbstoptimierung?

ich halte das für absolut abstrus. allein das konzept der selbstoptimierung erscheint mir ungefähr so überzeugt neoliberal wie christian lindner. und ehrlicherweise möchte ich auch nicht unter dem selbstgemachten druck stehen immer die beste sein zu wollen. für mich ist diese zeit der lockdowns und maßnahmen viel eher ein zeitpunkt mal mit mir klar zu kommen. da gibt es keine wirklichen ablenkungen und man verbringt wohl deutlich mehr zeit mit sich. ich möchte diese zeit nicht dafür nutzen alle meine fehler zu sehen bis ich fest davon überzeugt bin mich selbst komplett umstrukturieren zu müssen, sondern mich mit mir anzufreunden und gut zu mir zu sein. 

dieser körper begleitet mich jeden tag und trägt mich nun sogar durch eine globale krise, dann kann ich wenigstens jetzt mal nett sein und die wellen und dellen an meinem körper schätzen lernen. 

mehr selbstakzeptanz statt selbstoptimierung!

eve d'obier, Herausgeberin

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